Ein Leitfaden für Lehrkräfte, die mehr aus KI herausholen wollen

Gleiche KI – völlig andere Logik
Du hast von Claude gehört. Vielleicht sogar die Benchmarks gesehen: 14,6 Punkte Vorsprung im Reasoning, 94 % Instruction-Following-Rate, vier von acht gewonnenen Blind-Writing-Tests gegenüber GPT-4. Also hast du den Wechsel gewagt – und warst enttäuscht. Die Antworten wirkten steif, weniger „flüssig“ als bei ChatGPT.
Die gute Nachricht: Das liegt nicht an Claude. Es liegt daran, wie du mit ihm sprichst.
Warum dein ChatGPT-Prompting bei Claude versagt
Die Kognitionspsychologie kennt das Phänomen: Wenn ein neues Werkzeug eine andere Interaktionslogik erfordert, entsteht negativer Transfer – Gewohnheiten aus Tool A verschlechtern die Performance mit Tool B.
ChatGPT wurde von vielen als „Output-Maschine“ erlebt: kurze Befehle, sofortige Ergebnisse. Claude ist anders konzipiert – als struktureller Editor und kritischer Denkpartner. Wer Claude wie ChatGPT behandelt, bekommt mittelmäßige Ergebnisse. Wer die Logik versteht, bekommt deutlich stärkere.
Der entscheidende Unterschied: Situationen beschreiben statt Outputs befehlen
ChatGPT-Prompt: „Erstelle ein Arbeitsblatt zum Thema Bruchrechnung.“
Claude-Prompt: „Ich unterrichte eine 6. Klasse Realschule mit sehr gemischtem Leistungsniveau. Etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler hat noch Schwierigkeiten beim Kürzen von Brüchen. Ich brauche ein Arbeitsblatt, das mit einer einfachen Wiederholung beginnt, dann schrittweise schwieriger wird und am Ende eine kleine Knobelaufgabe für schnelle Lerner enthält.“
Der zweite Prompt liefert keine generische Vorlage – sondern eine maßgeschneiderte Lösung, die wirklich in deinen Unterricht passt.
Praxistipp: Der Kontext-Aufbau in drei Schritten
Bevor du Claude eine Aufgabe gibst, beantworte kurz diese drei Fragen:
1. Wer bin ich? Deine Rolle, Schulform, Fach, Klassenstufe.
2. Was ist die Situation? Lernstand der Klasse, besondere Herausforderungen, zeitlicher Rahmen.
3. Was soll das Ergebnis leisten? Zweck des Materials, Niveau, Format, Länge.
Statt „Erkläre Photosynthese“ schreibe: „Ich bereite eine Stunde für eine 7. Klasse Gymnasium vor. Die Schüler kennen Zellen, aber noch keine chemischen Formeln. Erkläre Photosynthese so, dass ich es als Einstieg in 5 Minuten mündlich vorstellen kann – anschaulich, mit einem Alltagsbeispiel.“
Was Claude von ChatGPT grundlegend unterscheidet
Claude wurde von Anthropic mit einem besonderen Trainingsverfahren entwickelt – Constitutional AI. Das Modell wird anhand eines Prinzipiensatzes trainiert, hilfreiche, ehrliche und harmlose Antworten zu geben.
Der wichtigste praktische Unterschied für den Schulalltag: Claude redet dir nicht nach dem Mund. Es widerspricht, wenn es gute Gründe dafür gibt. Es weist auf Schwächen in einem Entwurf hin. Es liefert keine leere Bestätigung. Für viele ChatGPT-Gewohnheitsnutzer fühlt sich das zunächst ungewohnt an – ist aber genau das, was Claude als Feedback-Partner so wertvoll macht.
Claude Projects: Dein persönlicher Unterrichts-Assistent
Claude Projects ermöglichen dauerhaft gespeicherte Anweisungen und Kontextdokumente. Du definierst einmalig, wer du bist und wie Claude mit dir arbeiten soll – und musst das nie wieder wiederholen.
Beispiel Custom Instructions für Lehrkräfte: „Ich bin Deutschlehrerin an einer Gesamtschule, Klassen 5–10. Schreibe immer auf Niveau B1–B2, vermeide Fachbegriffe ohne Erklärung. Wenn ich Materialien anfrage, frage zuerst nach Klassenstufe und Leistungsniveau.“
Die ehrlichen Einschränkungen
Claude ist kein Allheilmittel. Wer wechselt, sollte wissen:
- Kein integrierter Bildgenerator
- Keine Sprachausgabe
- Kein Community-Marketplace für fertige Vorlagen
Für wen lohnt der Wechsel besonders? Für Lehrkräfte, die komplexe Unterrichtsmaterialien entwickeln, differenzierte Aufgaben für verschiedene Niveaus brauchen, Feedback auf eigene Texte und Konzepte suchen oder Claude als kritischen Gesprächspartner bei der Unterrichtsplanung nutzen wollen.
Fazit: Claude lernt man nicht – man adaptiert sich
Claude ist nicht besser oder schlechter als ChatGPT – es ist anders gebaut. Es entfaltet seinen Wert erst, wenn du die Interaktionslogik verstehst.
Beschreibe Situationen statt Outputs zu befehlen. Akzeptiere, dass Widerspruch kein Fehler ist, sondern ein Feature.