Wenn ein Kind „Blid“ statt „Bild“ schreibt, ist das kein Zufall und schon gar kein Grund zur Panik. Dieser Fehler erzählt etwas. Er verrät, welcher Wahrnehmungsbereich noch Unterstützung braucht. Diplomierte Legasthenietrainerinnen und Legasthenietrainer lesen solche Muster seit Jahrzehnten und leiten daraus gezieltes Training ab. Eltern stehen dagegen oft ratlos vor den immer gleichen Fehlern im Heft.
Genau an dieser Stelle setzt unser neuestes Projekt an: Im Rahmen der OpenAI Build Week 2026, einem weltweiten Hackathon mit über 8.600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, haben wir legasthenie.me um eine KI-Fehleranalyse erweitert. Gebaut, getestet, live gestellt und eingereicht an einem einzigen Tag, in der Kategorie „Education“. Dieser Beitrag zeigt, was das neue Werkzeug kann, wie es funktioniert und was dahintersteckt.
Fehler sind Botschaften, keine Makel
Die AFS-Methode von Dr. Astrid Kopp-Duller betrachtet Legasthenie und Dyskalkulie nicht als Defizit, sondern als andere Art der Informationsverarbeitung. Trainiert wird auf drei Ebenen: Aufmerksamkeit, Funktionen der Sinneswahrnehmung und Symptom, also die konkreten Fehlerbilder beim Schreiben, Lesen und Rechnen.
Und genau die Fehlerbilder sind der Schlüssel. Ein paar Beispiele:
- „Blid“ statt „Bild“: Zwei Buchstaben tauschen den Platz. Das deutet auf die optische Differenzierung und Serialität hin, also das genaue Unterscheiden und Ordnen von Gesehenem.
- „schwimen“ statt „schwimmen“: Der doppelte Mitlaut fehlt. Das Kind hört die Kürze des Selbstlauts davor noch nicht sicher heraus.
- „spilen“ statt „spielen“: Die Dehnung mit „ie“ ist noch nicht verankert.
- „23″ statt „32″: Ein Zahlendreher, ein typischer Hinweis auf ein noch unsicheres Stellenwertverständnis.
Wer solche Muster erkennt, kann gezielt üben statt wahllos. Bisher brauchte es dafür geschulte Augen. Jetzt hilft dabei ein KI-Modell.
So einfach geht es: Fehler eintippen, Analyse lesen, trainieren
Die neue Seite legasthenie.me/generator/ki-fehleranalyse ist bewusst schlicht gehalten. Man tippt die Fehler des Kindes ein, so wie sie wirklich passiert sind, eine Zeile pro Fehler: links die Schreibung des Kindes, rechts die richtige Lösung. Schreibfehler und Rechenfehler dürfen bunt gemischt sein. Dazu noch die Schulstufe wählen, fertig.

Nach wenigen Sekunden liefert GPT-5.6, das aktuelle Sprachmodell von OpenAI, die Auswertung: Jeder Fehler wird einer Symptomkategorie zugeordnet, mit einer kurzen, wertschätzenden Erklärung, was da eigentlich passiert. Keine Fachbegriffe-Schlacht, keine Defizitsprache, sondern Sätze, die man als Mutter oder Vater sofort versteht.

Ein Klick weiter: das persönliche Trainingsbuch
Das Beste kommt zum Schluss: Die Analyse mündet in einen Knopf, und der erzeugt ein komplettes Trainingsbuch mit 20 Arbeitsblättern, zusammengestellt nach der AFS-Logik. Jede Einheit beginnt mit Aufmerksamkeitstraining, dann folgen Blätter zum Funktionstraining der betroffenen Sinneswahrnehmungen und schließlich Symptomtraining, das exakt auf die erkannten Fehlerkategorien zielt. Deckblatt mit dem Namen des Kindes, Belohnungs-Rätsel am Ende und ein kompakter Lösungsteil zum Ausdrucken inklusive.

Die Blätter kommen dabei nicht aus einer Schublade fertiger PDFs, sondern werden in dem Moment frisch erzeugt. Möglich machen das die 123 Arbeitsblatt-Generatoren, die auf legasthenie.me in den letzten Monaten entstanden sind: vom Wortsuchrätsel über Buchstabendreher-Übungen, Silbenteppiche und Rechenmauern bis zu Schreibschrift-Lineaturen in zwölf Schulschriften. Wer denselben Plan mit neuen Blättern noch einmal möchte, klickt einfach auf „Neue Blätter, gleicher Plan“.

Hinter den Kulissen: gebaut mit Codex und GPT-5.6
Die Build Week verlangte, dass Projekte nachweisbar mit zwei OpenAI-Werkzeugen entstehen: Codex, dem Programmier-Agenten, und GPT-5.6 als Modell im Produkt. Beides kam voll zum Einsatz. Codex hat das gesamte Feature in einer einzigen Sitzung direkt in unserer über Jahre gewachsenen PHP-Codebasis entwickelt: die Eingabeseite, die Anbindung an die OpenAI-Schnittstelle, die Übergabe an den Trainingsplan und die automatischen Tests. Ein zweiter Codex-Durchlauf härtete anschließend die Auswertung ab, nachdem der Live-Test kleine Schwächen gezeigt hatte.
Technisch spannend ist der Einsatz von Structured Outputs: GPT-5.6 darf nicht frei plaudern, sondern muss seine Analyse in einem festen, maschinenlesbaren Format abliefern, das nur die Kategorien, Trainingsplan-Werte und Generator-Namen zulässt, die unsere Plattform wirklich kennt. Der Server prüft die Antwort zusätzlich, bevor sie das Kind bzw. die Eltern erreicht. So bleibt die KI kreativ im Erklären, aber streng geführt im Ergebnis.
Der gesamte Quellcode ist übrigens offen einsehbar: github.com/dyslexics/legasthenie-me. Die Git-Historie trennt sauber, was vor der Build Week schon existierte und was während des Hackathons entstanden ist.

Datenschutz und eine ehrliche Einordnung
Zwei Dinge waren uns beim Bauen besonders wichtig. Erstens der Datenschutz: Der Vorname des Kindes ist freiwillig und verlässt zu keinem Zeitpunkt den Browser. An OpenAI geht ausschließlich die anonyme Fehlerliste samt Schulstufe, sonst nichts. Zweitens die Einordnung: Die KI-Fehleranalyse ist keine Diagnose, sondern eine pädagogische Orientierung für das Training zu Hause. Wer eine fundierte Abklärung und persönliche Begleitung möchte, findet über legasthenietrainer.com diplomierte Legasthenietrainerinnen und Legasthenietrainer in der Nähe.
Damit das Angebot fair bleibt und die Kosten im Rahmen, sind 15 Analysen pro Tag und Anschluss möglich. Für den Hausgebrauch reicht das mehr als genug.
Jetzt ausprobieren
Die KI-Fehleranalyse ist ab sofort frei zugänglich, ohne Konto und ohne Kosten:
- KI-Fehleranalyse starten: legasthenie.me/generator/ki-fehleranalyse
- Alle 123 Generatoren: legasthenie.me/generator
- Trainingsplan mit Fragen-Assistent: legasthenie.me/trainingsplan
- Quellcode: github.com/dyslexics/legasthenie-me
Und wer tiefer einsteigen möchte, beruflich oder für das eigene Kind: Das Fernstudium zur diplomierten Legasthenietrainerin bzw. zum diplomierten Legasthenietrainer stellt der EÖDL auf legastheniefernstudium.com vor, für Dyskalkulie auf dyskalkuliefernstudium.com. Eine kostenfreie Infomappe gibt es dort auf Anfrage.
Ob die Einreichung bei der Build Week eine Auszeichnung gewinnt, entscheidet die Jury bis Mitte August. Gewonnen haben aber jetzt schon alle, die ab heute aus den Fehlern ihres Kindes einen persönlichen Trainingsweg machen können.


