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Legasthenieforschung im 19. Jahrhundert

Legasthenieforschung gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Ich beschreibe hier kurz, was sich vor dem Jahr 1900 zum Thema Legasthenie getan hat:

Die Erkenntnisse über Legasthenie und deren Erforschung gehen eben bis ins vorvorige Jahrhundert zurück. Zuerst befassten sich Ärzte mit dem Thema , erst später die Pädagogen, und schließlich fühlten sich auch die Psychologen für diese Menschen verantwortlich.

Modul 1 – Fernstudium zum diplomierten Legasthenietrainer 2020

Auch heute findet man unter anderem diese Berufsgruppen in die
Thematik involviert, wenngleich eine produktive Zusammenarbeit kaum stattfindet, zu unterschiedlich sind die Standpunkte. Deshalb ist es auch beim Studieren von Fachliteratur von Vorteil, zu wissen, von welcher Berufsgruppe der Autor stammt, und es vereinfacht auch das Verstehen.

Medizinische Forschungen gehen auf das Jahr 1861 zurück, dem Jahr der Veröffentlichung einer Untersuchung des Pariser Arztes Broca, die den Verlust der Sprache bei Erwachsenen durch Krankheit oder Unfall zum Inhalt hatte. Kussmaul, Neurologe und betroffener Vater, bezeichnete 1877 das Phänomen als „erworbene Wortblindheit“ (ebenso wie Morgan, 1896, und Hinshelwood, 1900).
Legte man Erwachsenen Bilder vor, so konnten sie die Gegenstände eindeutig benennen. Bei Buchstaben und einfachen Wörtern hatten sie jedoch allergrößteSchwierigkeiten. Es folgten Jahrzehnte der weiteren Forschung, aber auch Jahrzehnte, in denen wenig bis gar nicht geforscht wurde. Bezeichnend ist, dass im Laufe der Zeit ein ständiger Wechsel in der Benennung des Phänomens stattgefunden
hat.

Im Jahre 1885 spricht Dr. Oswald Berkhan sogar von einer partiellen Idiotie. Der englische Schularzt James Kerr und der Augenarzt W. Pringle Morgan sprechen 1896 von angeborener Wortblindheit (Defiziten im Lesezentrum). Als Ursache der Störung nahm Morgan eine mangelhafte Entwicklung des Lesezentrums an, das er im Gyrus angularis, in einer Großhirnregion in der linken Hirnhälfte zwischen Schläfen und Scheitellappen, lokalisierte. Nach Morgans Ansicht führte diese Fehlentwicklung zu Schwierigkeiten bei der Verarbeitung visueller Informationen. Er prägte dafür den Begriff der „congenital word-blindness“ (der angeborenen Wortblindheit), um diese Problematik von der erworbenen Wortblindheit abzugrenzen, die als Begriff von Kussmaul (siehe oben) bereits eingeführt war. Den Begriff findet man auch heute noch in der Medizin. Morgan stellte damit also einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen einer Lesestörung und einer pathologischen Veränderung eines exakt definierten Bereichs im Gehirn her und stützte sich dabei auf die damalige Forschung zum Verlust einer bereits bestehenden Lesefähigkeit. Er führte gleiche Symptome auf gleiche Ursachen zurück: Wenn also ein Patient bei einer Verletzung des Gyrus angularis die Fähigkeit des Lesens verlor, musste konsequenterweise bei einem Kind, das Probleme beim Erwerb der Lesefertigkeit zeigte, eben dieser Bereich des Gehirns geschädigt sein: ein zum damaligen Zeitpunkt plausibles Erklärungsmodell.

Das Verdienst Morgans lag vor allem in der Tatsache begründet, dass dieser ein neues Krankheitsbild erfasste und so zu einer weltweiten Erforschung Anstoß gab.

Kussmaul, A. (1877). Diseases of the nervous system and disturbances of speech. In H. von Ziemssen (Ed.) Cylopedia of the practice of medicine (pp.770–778). New York: William Wood.

Pringle Morgan, W. (1896, 7 November). A case of congenital word blindness. The Lancet, 1378.

Hinshelwood, J. (1896, 21 November). A case of dyslexia: A peculiar form of word blindness. The Lancet, 1451–1454.

Hinshelwood, J. (1900, 26 May). Congenital word-blindness. The Lancet, 1506–1508.

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